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Trump

Alex Wong/Getty Images

Trump sagt zu Deutschland: „Übernehmt die Führung!“

Der Druck, der sich gegen Deutschland aufbaut, wird das Land dazu zwingen, zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg wieder aggressiv seine eigenen Interessen zu vertreten.

Ist Amerika jetzt Deutschlands Feind? Nach der Wahl Donald Trumps scheint die deutsche Regierung und die Presse das zu glauben.

Seit dem Ende des zweiten Weltkriegs steht Deutschland im Schatten Amerikas. Dieses Land hat nie aggressiv seine eigenen Interessen vertreten und das musste es auch nicht. Amerika hat sich darum gekümmert.

Diese Zeit ist nun vorbei. Präsident Trump ist dabei, die größte Veränderung in der Weltordnung seit dem Fall der Berliner Mauer einzuleiten.

Während des kalten Krieges hatten Deutschland und Amerika die gleichen Interessen. Wenn Russland Westeuropa überrannt hätte, wäre Amerika einer starken sowjetischen Bedrohung ausgesetzt worden – daher hat Amerika dabei geholfen, Deutschland zu verteidigen und es hat sogar die deutsche Wiedervereinigung gefördert, dessen Teilung es nach dem Krieg mit zu verantworten hatte. Seit dem Ende des kalten Krieges sind nun beide Länder der Bedrohung durch den radikalen Islam ausgesetzt.

Aber Amerika hat sich auch um Deutschlands wirtschaftliche Interessen gekümmert. Beide Länder wollten einen freien und stabilen Welthandel mit offenen Seewegen und Handelsrouten.

Derweil hatte Deutschland allen Grund, sich unterzuordnen. Die Zerstörung, die die Nazis angerichtet hatten, ist in lebhafter Erinnerung geblieben. Hätte Deutschland seine wirkliche Macht in die Waagschale geworfen, dann hätten andere Länder sich ihm bald entgegengestellt.

Also war die deutsche Politik bisher einfach gewesen: Amerika kümmert sich um das Allgemeininteresse Deutschlands, während Berlin sich darauf konzentrierte, seine wirtschaftlichen Interessen zu vertreten und nicht nach politischer Macht zu streben.

Natürlich gab es auch Unstimmigkeiten. Manchmal setzte Deutschland auch seine eigene Agenda durch. Der Balkan ist ein gutes Beispiel dafür: Trotz des erheblichen Widerstands anderer Länder erkannte Deutschland Kroatiens Unabhängigkeit von Jugoslawien an. Aber als sich dann Amerika einmischte, überließ Berlin Washington gerne die schwierige Aufgabe.

Aber jetzt haben wir andere Zeiten. Die Welt wird immer gefährlicher und chaotischer und Deutschland muss aggressiv seine eigenen Interessen vertreten – zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg.

Die Bedrohung rührt nicht von ein paar spontanen Äußerungen des neuen Präsidenten her, sondern von seiner ganzen Weltanschauung. Herr Trump verspricht eine neue, revolutionäre Außenpolitik. Anstatt Amerikas langfristige Interessen zu verfolgen, strebt er nur eine kurzfristige Gewinnmaximierung an. Es geht ihm nur um den augenblicklichen Gewinn und nicht um das Gleichgewicht der Kräfte.

Das hat in Deutschland eine fast hektische Reaktion ausgelöst: „Die Amtseinführung Trumps kündigt eine neue Weltordnung an“, schrieb Spiegel Online. „Trump bedeutet das Ende der Welt, wie wir sie kennen.“

„Kann Frau Merkels Europa jetzt noch zusammenhalten?“ ist die Frage in diesem Artikel. „Kann sie Trump bei den kommenden Auseinandersetzungen über Handelsbestimmungen, internationale Abkommen und um eine liberale Rechts- und Wirtschaftsordnung eine würdige Gegnerin sein? Eine Rechtsordnung, die für die Vereinigten Staaten in den letzten sechzig Jahren so wichtig war?“ (vom 20. Januar, Hervorhebung durchweg hinzugefügt). Eine der beliebtesten und einflussreichsten Zeitschriften Europas sieht in Amerika einen Feind und fragt sich, ob Deutschlands Regierungschefin wohl energisch genug ist.

1990 stellte Herr Trump in einem Interview Deutschland und Japan als Amerikas größte Feinde dar, weil diese beiden Länder, wie er sagte, „Milliarden damit verdienen, uns hereinzulegen.“

„Frau Merkels Mitarbeiterstab ist davon überzeugt, dass sich seine Ansichten nicht geändert haben“, schrieb Spiegel Online (op. cit.). Deutschlands führende Politiker glauben ernsthaft, dass Amerika jetzt diese Ansichten vertritt.

Deutschland unter Beschuss

Was könnte wohl Deutschland so zur Verzweiflung bringen? Oberflächlich betrachtet geht es dem Land ausgezeichnet. Die Wirtschaft ist 2016 schneller gewachsen, als vorhergesagt worden war. Anstatt neue Schulden zu machen, ist die Regierung tatsächlich dabei, die alten Schulden zu begleichen. Das Land wird zusehends mächtiger.

Trotzdem ist Deutschland verwundbar. Seine politische Ordnung ist dabei zu zerfallen. Die neu gegründete Alternative für Deutschland (AfD) und die Linkspartei (die ehemaligen Kommunisten aus Ostdeutschland) haben stark an Beliebtheit zugenommen und drohen, das ganze politische System des Landes zu destabilisieren. Beide Parteien werden im Allgemeinen für eine Zusammenarbeit mit den bürgerlichen Parteien als zu extremistisch angesehen. Der Terrorismus und die Flüchtlingswelle, an sich schon große Bedrohungen, bringen diesen Parteien nur noch mehr Stimmen ein.

Weniger hoch bewertet werden Deutschlands wirtschaftliche Risiken. Von allen großen Volkswirtschaften hängt Deutschland am meisten vom Export ab. Der Export macht fast die Hälfte der gesamten Wirtschaftsleistung aus; im Vergleich dazu macht das in Amerika nur ein Fünftel aus. Jeder Rückgang der Exporte hätte sofort gravierende Folgen.

Herrn Trumps Prognosen stellen deshalb für Deutschland eine ernste Bedrohung dar. Er glaubt, dass freier Handel bedeutet, dass andere Länder Amerika übervorteilen. Er möchte die Welthandelspolitik völlig neu bewerten. Kein Land hat bei dieser Neubewertung mehr zu verlieren als Deutschland.

Bei den gegenwärtigen politischen Schwierigkeiten in Deutschland würden wirtschaftliche Turbulenzen zu einer in der Nachkriegszeit nie dagewesenen politischen Krise führen. Wenn sowohl die AfD als auch die Kommunisten im Moment schon 10 bis 15 Prozent der Stimmen bekommen, wie stark würde ihre Beliebtheit nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch zunehmen? Beide zusammen könnten die Mehrheit der Stimmen erhalten und das würde bedeuten, dass ohne eine dieser Gruppierungen keine Koalitionsregierung mehr möglich wäre. Die Gefahren einer Exportkrise sind weit größer als nur eine geringfügig höhere Arbeitslosigkeit. Eine solche Krise könnte Deutschlands politisches System zerstören.

Das ist jedoch genau die Sorte von wirtschaftlichen Turbulenzen, die Donald Trump auszulösen droht.

„Unser Wohlstand ist in Gefahr“

In einem am fünfzehnten Januar veröffentlichten Interview mit der Bild und der Times drohte Trump BMW mit Importzöllen von 35 Prozent. Die USA sind einer der wichtigsten Abnehmer deutscher Exporte. Wenn die deutsche Wirtschaft wachsen soll, müssen seine Exporte gesteigert werden. Die meisten der deutschen Exportmärkte sind bereits in Schwierigkeiten und Amerika ist einer der wenigen Märkte mit Aussichten auf Wachstum. Alles, was dieses Wachstum zu verringern droht, stellt eine Gefahr für Deutschland dar. Aber Herr Trump will noch viel mehr als das: Er will die deutschen Warenverkäufe in Amerika drastisch verringern!

Durch eine eventuelle Erhebung von Einfuhrzöllen droht Herr Trump Deutschlands Wirtschaft zu ruinieren.

In Deutschland wird befürchtet, dass Herr Trump ein Handelsgesetz von 1974 dazu benutzen könnte, für 150 Tage Einfuhrzölle von bis zu 15 Prozent auf deutsche Waren zu erheben, ohne dafür die Zustimmung des Kongresses zu benötigen.

Vieles von Präsident Trumps Analyse ist korrekt. Deutschlands Exportwunder kommt hauptsächlich vom Euro. Der Euro ist de facto eine staatliche Unterstützung für die deutschen Exportgüter. Die schwächeren Volkswirtschaften im Süden Europas machen den Euro zu einer schwachen und somit billigen Währung. Ein billiger Euro aber bedeutet billigere deutsche Waren und damit mehr deutsche Exporte. Wenn Deutschland nicht den Euro hätte, wären seine BMWs wesentlich teurer. Es ist völlig gerechtfertigt, dass Herr Trump sie höher besteuern will.

Gleichwohl sind Deutschlands wichtigste Interessen bedroht. Deutschland muss Amerika davon abbringen, Einfuhrzölle zu erheben – es muss einen Weg finden, den freien Handel mit Deutschland für Herrn Trump kurzfristig interessant zu machen. Anders ausgedrückt: Deutschland braucht Macht und Einfluss – eine Rückkehr zur Machtpolitik und einer aggressiven Durchsetzung der eigenen Interessen.

„Mehr als je zuvor in den letzten sechzig Jahren ist unser Wohlstand in Gefahr“, warnte Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Industrie. Wenn Herr Trump seine Rhetorik über den freien Handel in die Tat umsetzt, „dann würde das deutsche Wohlstandsmodell scheitern.“

Aber die Bedrohung, die Herr Trump für die deutsche Wirtschaft darstellt, geht noch weit über den Direkthandel hinaus.

Trump gegen die EU

Deutschlands Abhängigkeit von Exporten macht die europäische Einheit zu einem seiner wichtigsten Anliegen. Sieben der zehn wichtigsten Abnehmer dieser Exporte sind Länder der europäischen Union. Wenn sich die EU auflöst oder der Euro zerfällt, bedeutet das für Deutschland eine Wirtschaftskrise.

Und das ist genau das, was Präsident Trump will – schlecht für Berlin und Deutschland. Wie er in seinem Interview am 15. Januar sagte, ist die EU „für Deutschland im Prinzip nur ein Mittel zum Zweck.“ Er lobte die Entscheidung Großbritanniens, aus der EU auszutreten und setzte hinzu: „Ich glaube, es werden noch mehr Länder austreten.“

Spiegel Online schrieb: „Beamte in Brüssel sind besorgt, weil eins der Ziele von Trumps Außenpolitik die Spaltung der EU sein könnte – zum Beispiel in Bereichen wie Umweltpolitik und Energiewirtschaft und ganz besonders in seinen Beziehungen zu Russland. (op. cit.).

Sechzig Jahre lang haben die Amerikaner die europäische Einheit begrüßt. Nun haben sie einen Präsidenten, der ideologisch gegen die EU eingestellt ist.

Herr Trumps Vorliebe für Großbritannien könnte dazu dienen, der EU Schaden zuzufügen. Die britische Premierministerin Theresa May war die erste Regierungschefin, die Trump im Weißen Haus besuchte. Die Regierung Trump verspricht Großbritannien nach dem Brexit lukrative Handelsabkommen, ein grundlegender Unterschied zu seinem Vorgänger, der sagte, wenn Großbritannien die EU verlässt, würde es sich „am Ende der Warteschlange wiederfinden“.

Solche Abkommen zwischen den USA und Großbritannien würden Europas Position bei allen Brexit-Verhandlungen schwächen. Großbritannien hätte bei den Verhandlungen die mächtigste Volkswirtschaft der Welt auf seiner Seite.

Noch wichtiger ist, dass solche Abkommen im Grunde eine Einladung des Präsidenten Trump an alle anderen Länder darstellen, ebenfalls auszutreten. Aus der EU auszutreten, ist dann kein Sprung ins Leere mehr, würde er sagen. Verlasst die EU und wir werden euch mit offenen Armen und günstigen Abkommen empfangen. Kein Wunder, dass die Beamten in Brüssel sich Sorgen machen.

Herr Trumps Isolationismus stellt eine weitere, wenn auch weniger direkte Bedrohung der europäischen Einheit dar. Jahrelang hatte die amerikanische Führungsrolle die EU vor den Spannungen bewahrt, die jetzt Europa zu zerreißen drohen. Auch wenn diese Führungsrolle Europa nicht vor Problemen wie die Eurokrise schützen kann, mussten sich die Europäer doch nicht die Frage stellen, was sie gegen Russland tun müssten und wie sie sich gegen den Terrorismus wehren könnten. Diese Fragen stellten sich schon vorher, aber die Antworten darauf waren noch nicht so wichtig, denn Amerika bestimmte den politischen Kurs des Westens und Europa musste sich nur entscheiden, ob es auf diesem Schiff mitfahren wollte oder nicht. Amerika leistete die ganze Schwerarbeit, die Nationen dazu zu überreden, sich der amerikanischen Führung anzuschließen.

Bereits vor der Wahl Trumps begannen Europas Antworten wichtiger zu werden. Aber wie kann man allgemein gültige Antworten geben, wenn in dem ganzen Block so unterschiedliche Meinungen herrschen? Auf der einen Seite haben wir Estland, wo alle jungen Männer zum Dienst an der Waffe eingezogen werden und einer von zwanzig Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter bei den Streitkräften angestellt ist oder als Freiwilliger bei der Nationalgarde dient. Die Angst vor Russland hat dieses Land dazu gebracht, bei der Beteiligung der Zivilbevölkerung an den Streitkräften dem israelischen Modell zu folgen. Andererseits gibt es in dem Block auch Länder wie Österreich und Italien, die nicht gerade begeistert von den Sanktionen gegen Russland sind.

Früher sorgte die Führungsrolle Amerikas dafür, so eine ungleiche Gruppe von Ländern politisch in die gleiche Richtung zu lenken. Nun muss wohl jemand anders diese Führungsrolle übernehmen. Jemand muss sich gegen Trumps Versuche wehren, die EU zu zerschlagen. Wenn niemand das übernimmt, werden der Euro, die EU und Deutschlands Wohlergehen in die Binsen gehen.

Druck aus Russland

Derweil könnte Deutschland auch Gefahr aus Russland drohen. Herr Trump hat eine Umwälzung bei den Beziehungen mit Moskau versprochen. Seit 1990 hatten fast alle US-Präsidenten zunächst eine engere Zusammenarbeit mit Russland versprochen, nur um nachher enttäuscht zu werden. Aber dieses Mal scheint Russland bereit zu sein mitzumachen; zumindest eine Zeitlang. Es könnte auch sein, dass Herr Trumps einzigartiges Desinteresse an Amerikas langfristigen Anliegen ihn dazu verleiten könnte, Russlands Expansion zu dulden, die alle Präsidenten vor ihm zu verhindern suchten.

Jetzt muss Europa dieser Drohung begegnen – auf sich selbst gestellt.

Für Deutschland könnte sich die Lage noch mehr verschlechtern. Jochen Bittner, ein Redakteur der deutschen Wochenzeitung Die Zeit, schrieb in der New York Times, dass die Wahl von Herrn Trump bedeutet, dass Russlands Präsident Wladimir Putin jetzt keinen „Buhmann“ mehr hat. Wenn nämlich der Präsident der USA nun nicht mehr die Quelle allen Übels auf der Welt ist, wen könnte er stattdessen attackieren und ihm die Schuld an allem Übel zuschieben? „Raten Sie mal, wer dann wohl der neue Buhmann, oder besser gesagt die ‚Buhfrau‘ sein wird?“ fragte Bittner. „Angela Merkel“ (1. Januar).

„Die deutsche Kanzlerin ist das perfekte Angriffsziel“, schreibt er weiter. „In Deutschland sind im kommenden Herbst Bundestagswahlen und angesichts der Tatsache, dass mit Moskau sympathisierende Politiker überall immer mehr Zulauf bekommen, könnte Frau Merkel, die für ihre vierte Amtszeit kandidiert, so ziemlich die einzige europäische Regierungschefin sein, die noch gewillt ist, dem neu erwachten Russland die Stirn zu bieten.“

Während Obamas Amtszeit hatte Frau Merkel hart daran gearbeitet, ganz Europa dazu zu bringen, sich an den Sanktionen gegen Russland zu beteiligen. Wenn Trump diese Sanktionen jetzt zurücknimmt und Deutschland nicht dasselbe tut, dann würde Frau Merkel als der prominenteste Gegner Russlands auf der ganzen Welt dastehen und wäre damit das Opfer von Putins Zorn und seiner geopolitischen Genialität. Und das ist sie absolut nicht gewohnt.

Ein Russland mit Amerikas Unterstützung würde sehr mächtig sein. Wenn Trump bei seiner Position bleibt, ist Europa nach Ansicht der Kanzlerin einer großen Gefahr ausgesetzt“, schreibt Spiegel Online (op. cit.). Elmar Brok, ein Mitglied des außenpolitischen Ausschusses im EU-Parlament warnte, dass Putin die Gelegenheit nutzen könnte, sich einen der baltischen Staaten einzuverleiben: „Trumps Äußerungen über die NATO könnten zu einer Situation führen, in der Putin sich sagt: ‚Wir können’s ja mal versuchen‘!“

Paul D. Millar, Dozent für internationale Sicherheitsstudien an der National Defense University, schrieb in Foreign Policy, „Putin hat jetzt das günstigste internationale Umfeld seit dem Ende des kalten Krieges, um Russlands Expansion weiter voranzutreiben“ (16. November).

Russland könnte sich diesen Gefallen, den Trump ihm tut, ausnutzen und versuchen, Europa zu teilen und zu beherrschen, während Trump das gleiche tut.

So unter Druck gesetzt bliebe Deutschland nicht anderes übrig, als sich aggressiv gegen beide Mächte zu behaupten, wobei es gleichzeitig Europa zusammenhalten muss.

‚Knallharte Verfolgung eigener Interessen‘

Kluge Köpfe überall in der Welt sehen diesen Umschwung in Europa kommen: „Der Brexit, allein schon ein harter Schlag, wird zusammen mit Trumps Präsidentschaft die EU zwingen, erwachsen zu werden und sich schwierige existentielle Fragen zu stellen“, schrieb John Lloyd in einem Artikel, der von der Nachrichtenagentur Reuters veröffentlicht wurde. „Ihre Kindheit ist nun endgültig vorbei und das ist immer ein schwieriger Übergang“ (13. Januar).

Ja, dieser Übergang wird schwierig sein und in den nächsten Monaten wird die Welt erleben, wie Deutschland und Europa erwachsen werden.

So sieht sich Deutschland denn auch von allen Seiten unter Druck gesetzt und kann sich auch nicht länger auf die Vereinigten Staaten verlassen – ja, sieht die USA sogar schon als Feind an. Und was ist nun das Ergebnis? Das Land muss für sich selbst einstehen. Wenn Amerika eine klar definierte „Amerika zuerst“-Politik verfolgt, dann bleibt Deutschland nichts anderes übrig, als mit einer „Deutschland zuerst“-Politik zu reagieren.

Das brauchte Deutschland siebzig Jahre lang nicht zu tun. Wie George Friedman in seinem Buch Flashpoints (Krisenherde) schreibt, „haben Deutschland und Japan nach dem zweiten Weltkrieg versucht, Wirtschaftsriesen zu werden, ohne auch militärische Großmächte zu sein. Beide Länder üben weit weniger militärische Macht aus als sie könnten.“

„Deutschlands Absicht ist es, eine Wirtschaftspolitik ohne politische und sicherlich auch ohne militärische Konsequenzen zu verfolgen“, schreibt er. „Sie versuchen, die führende Macht in Europa zu sein, ohne allen anderen Ländern ihren Willen aufzuzwingen. Sie wollen nur einen Teil der nationalen Macht ausüben, den wirtschaftlichen Teil, und zwar ohne die knallharte Durchsetzung der eigenen Interessen. … Das ist verständlich. Unklar ist jedoch, ob das auch praktikabel ist.“

Es hat sicher Regierungschefs gegeben, die ein kraftvolleres Deutschland wünschten. Aber Friedman liefert auch eine gute Beschreibung des Weltbildes von Regierungschefs wie Angela Merkel.

Wie Friedman anmerkt, sieht sich Deutschland wegen der Eurokrise gezwungen, „knallhart seine eigenen Interessen zu vertreten“. Es muss den südeuropäischen Ländern seinen Willen aufzwingen – andernfalls wird es in eine noch ernstere wirtschaftliche und politische Krise geraten. Jetzt kommt durch den Paradigmenwechsel in Amerikas Weltbild ein noch stärkerer politischer Druck hinzu.

In den letzten siebzig Jahren hat Europa in einer Luftblase gelebt, die von den Vereinigten Staaten vor dem weltpolitischen Druck beschützt wurde. Nun zieht sich Amerika davon zurück und die Realität stellt sich ein – eine Realität, in der, wie es Thukydides, einer der ersten Vordenker über internationale Beziehungen, es formulierte: „Der Starke tut was er kann und der Schwache erleidet, was er muss.“

Deutschland wird sich gezwungen sehen, auf vielerlei Art und Weise stärker zu werden.

Seine Reaktion auf Russlands Vorgehen muss stärker werden. Es muss stark genug sein, um Europa um sich zu scharen. Es muss Frankreich und Italien bitten oder dazu zwingen, erweiterte Sanktionen zu akzeptieren und auch die baltischen Länder davon überzeugen, um sie durch eine Annäherung an der Stange zu halten.

Man kann den Nahen Osten nicht länger nur den Amerikanern überlassen – das sieht man in Europa langsam ein. Deutschland muss eine stärkere Außenpolitik vertreten, andernfalls werden Flüchtlingswellen und terroristische Anschläge sein politisches System zu Grunde richten.

Deutschland muss seinen internationalen Handel erhalten und weiter verstärken. Das könnte heißen, dass es vielleicht mit Amerika um Einfluss ringen muss, um Stärke mit Stärke zu beantworten und Herr Trumps Schutzzölle zu verhindern. Wahrscheinlich heißt das wiederum, die aggressive Vertretung seiner eigenen Interessen innerhalb Europas durchzusetzen. Das heißt, es muss mindestens einen starken Kern von Nationen zusammenhalten, während Amerika versucht, sie auseinander zu bringen.

Der Kolumnist der Posaune Brad McDonald schrieb nach den Terroranschlägen im vergangenen Dezember: „Berliner, aber auch alle anderen Deutschen und sogar die Europäer ganz allgemein haben mehr und mehr die Qual der Wahl zwischen dem, was sie sein wollen und was sie sein müssen. Mag sein, dass sie gerne fortschrittlich, aufgeschlossen und tolerant sein möchten, aber die Botschaft von Berlin und all der anderen Anschläge ist, dass sie zynischer, gnadenloser und kämpferischer werden müssen. Und Sie können sicher sein: Das ist ein Trend, der uns alle betreffen wird.“

Vor genau der gleichen Wahl stehen die Deutschen und die Europäer in der Außenpolitik. Sie können sich nicht mehr den Luxus leisten, auf die knallharte Durchsetzung ihrer eigenen Interessen zu verzichten, was sie jahrzehntelang tun konnten, weil Amerika sich darum kümmerte. Damit ist jetzt Schluss. Wenn sie in den nächsten Jahren nicht aggressiv ihre eigenen Interessen durchsetzen, werden sie einer Katastrophe entgegensehen. Sie werden nicht zulassen, dass das passiert. Deshalb werden wir schon bald ein neues Deutschland erleben, dass bereit ist, andere Nationen herumzustoßen.

Zu seiner Geschichte zurückkehren

In Europa herrscht jetzt Friede. Die Geschichte zeigt, dass das nicht unbedingt normal ist. Es konnte diesen Frieden nur geben, weil Amerika die europäischen Länder von der Notwendigkeit befreite, selbst stark zu sein und für sich selbst einzustehen. Das ist nun vorüber und Europa wird zu seinem historischen Charakter zurückkehren.

Präsident Trump vertritt eine isolationistische Politik, die gegen die EU gerichtet ist, aber abgesehen vom Handel richtet sie sich nicht unbedingt auch gegen Deutschland. Er merkt wahrscheinlich gar nicht, welchem Druck er Deutschland aussetzt. Die Deutschen mögen ja glauben, Herr Trump sei ihr Feind, aber es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass er selbst das auch so sieht. Er ist in wesentlichen Punkten gegen Deutschland eingestellt, aber in anderen Punkten ist er auch ganz auf seiner Seite. Die Deutschen werden mehr Geld für die Verteidigung ausgeben? Großartig! Mehr deutsche Truppen im Nahen Osten? Wunderbar! Eine eigene EU-Streitmacht? Es wird Zeit, dass ihr euch selbst verteidigt!

Amerika zwingt Deutschland, zur Machtpolitik zurückzukehren, während es sich selbst aus der Weltpolitik zurückzieht. Damit sind die Weichen gestellt, damit Deutschland wieder eine Großmacht wird.

Genau das hat die Posaune seit Jahren vorhergesagt.

Diese Vorhersagen werden nun bald Wirklichkeit. Im Januar 1963 schrieb Herbert W. Armstrong, der Chefredakteur der Plain Truth (Die reine Wahrheit), einem Vorgänger der Trumpet (Posaune): „Ein geeintes Europa – die erstaunliche Wiederauferstehung des ‚Heiligen Römischen Reiches‘ – eine gigantische neue Weltmacht so mächtig wie Russland oder die Vereinigten Staaten, ja vielleicht sogar noch mächtiger. Diese Weltmacht wird dann für das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Ost und West sorgen.“

Es ist leicht vorherzusehen, dass Präsident Trumps Außenpolitik zum Aufstieg einer neuen Großmacht in Europa führen wird – eine Großmacht, die nicht nur in Amerikas Schatten steht, sondern die, wie Herr Armstrong richtig prophezeite, ihre eigene Machtbasis unterhält, über ihre eigenen Rohstoffe verfügt und ihre eigene Außenpolitik durchsetzt.

Aber der Aufstieg dieser neuen europäischen Großmacht ist in Wirklichkeit die „Ankunft einer neuen Weltordnung“, wie Spiegel Online es formulierte. Es ist eine Welt, die nur wenige, die heute noch leben, jemals miterlebt haben – eine Welt mit einer bestimmenden Großmacht in Europa. Eine Großmacht, die in der Lage ist, sowohl Russland als auch Amerika die Stirn zu bieten. 

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