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ALEXEI NIKOLSKY/AFP/GettyImages

Putins Eine-Milliarde-Dollar-Schnäppchen in Syrien

Überrascht es Putin vor dem Hintergrund seiner Gewinne womöglich selbst, wie gut sein Ausflug nach Syrien funktioniert hat?

Belastet durch wirtschaftliche Sanktionen nach seiner Übernahme der Krim und geschlagen mit einem historisch niedrigen Ölpreis verblüffte der russische Präsident Wladimir Putin die Welt im September letzten Jahres mit der Ankündigung eines neuen Militäreinsatzes im Nahen Osten. Damals warnte Washington davor, Putins Vorstoß in Syrien würde Russland unweigerlich im „Morast“ feststecken lassen, während andere fleißig nachrechneten und sich fragten, wie Russland sich eine solche Mission leisten konnte.

Doch ein halbes Jahr später, als Putin Anfang dieser Woche selbstsicher den Rückzug seiner Truppen aus Syrien ankündigte, konnte er verkünden, sein Ziel erreicht zu haben.

In den meisten Fällen, in denen Putin derart positiv auf seine eigenen Leistungen zu sprechen kommt, kann das als reine Angeberei betrachtet werden. Doch in diesem Fall sagte er die Wahrheit.

Was Syrien Putin kostete

Einigen Schätzungen zufolge belaufen sich Russlands Gesamtkosten für seine nahezu sechsmonatige Intervention im Nahen Osten auf ungefähr 1 Milliarde USD . Laut Moskau belief sich Russlands Verteidigungshaushalt im Jahr 2015 auf 50 Mrd. USD, was bedeutet, dass Syrien etwa 2 Prozent der zugewiesenen jährlichen Mittel ausmachte.

Für diesen Betrag war Putin in der Lage, über 70 Flugzeuge verschiedener Typen einzusetzen und 4.000 Soldaten für den Einsatz, den Schutz und die Wartung der Flotte zu mobilisieren. Laut dem russischen Kommandeur des südlichen Militärbezirks, Alexander Galkin, ermöglichte diese eine Milliarde US-Dollar 1.600 Einsätze der führenden Suchoi-25-Jagdbomber über dem syrischen Himmel, wobei sich die Jets insgesamt mehr als 1.000 Stunden in großer Höhe aufhielten und 6.000 Bomben auf „Terroristen“ warfen. Natürlich gilt hierbei, dass „Terrorist“ ist, wen Moskau zum Terroristen bestimmt, nicht allein der Islamische Staat. In der Tat trafen nur etwa 10-20 Prozent der 6.000 Bomben Ziele des Islamischen Staates. Der Rest traf von den USA unterstützte Rebellen und andere sunnitische Gruppen, deren Ziel im Sturz Baschar al‑Assads diktatorischer Herrschaft besteht.

Im Blick auf Menschenverluste zeigt sich Russland schmallippig, aber es scheint sich um weniger als ein Dutzend gefallener Soldaten zu handeln. Zu den Materialverlusten zählen ein Su-24 Kampfflieger, der über der Türkei abgeschossen wurde, und ein Mi-8-Transporthubschrauber.

Was Putin durch Syrien gewann

Weit davon entfernt, im Morast stecken geblieben zu sein, zieht Putin so viele Vorteile aus seiner Einmischung in Syrien, dass wir sie in einer Liste aufzählen. Hier sind sie kurz:

  • Das Überleben des syrischen Regimes ist sichergestellt: Wie wir zuvor berichtet hatten, fiel Putins Entscheidung, dem Konflikt beizutreten, auf Bitten Assads und seines Unterstützers, des Irans. Syrien spielt seit Langem eine wichtige Rolle in Russlands Machtstreben im Mittelmeer. Vor dem Hintergrund, dass die Türkei für Russlands Schwarzmeerflotte den Schlüssel zum Mittelmeer hält, war es von entscheidender Wichtigkeit, dass Russland seine Militärbasis in Tartus hielt, was seit langer Zeit Assad sicherstellt.

  • Die wirtschaftlichen Vorteile: Wie Michael Weiss schreibt: „Der syrische Krieg war zu gleichen Teilen eine Waffen- und Geräte-Messe und eine Kunden-Rettungsmission.“ Aus dem Kaspischen Meer abgefeuerte Marschflugkörper und die zur Schau gestellte Übermacht der Su-34 in der Luft und des T-90-Kampfpanzers auf dem Boden ermöglichten es Russland, seine modernen Waffen zu präsentieren. Diese Zurschaustellung weckte Berichten zufolge bei einer Vielzahl von Ländern, darunter Algerien, Vietnam, der Irak, Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, Uganda, Nigeria und Äthiopien, das Interesse an neuen Waffenverträgen. Diese Verträge alleine decken aller Wahrscheinlichkeit nach die Kosten der eine Milliarde Dollar teuren Werbekampagne.

  • Die USA wurden als schwächer werdende Macht im Nahen Osten offenbart: Wie George Friedman in Geopolitical Futures schreibt: „In Syrien ging es nicht um Syrien [...]. Es ging vielmehr darum, die Wahrnehmung russischer Macht zu verändern und unter Beweis zu stellen, dass Russland bereit ist, einen Einsatz zu verantworten, ein Problem zu lösen und im Anschluss wieder abzuziehen. Im Gegensatz zu den Amerikanern, die einen Einsatz beginnen, bleiben und im Schlamm versinken, taten die Russen, wozu sie gekommen waren, und ziehen sich jetzt wieder zurück.“ Gerechterweise sollte man erwähnen, dass Russlands Verhaltensregeln in der Schlacht in Syrien etwas lockerer sind als die der USA. Berichte deuten darauf hin, dass Russland im Rahmen des fast sechsmonatigen Einsatzes etwa 2.000 Zivilisten tötete. Solcher Kollateralschaden würde von der Weltgemeinschaft nicht akzeptiert werden, wäre er von den Vereinigten Staaten zu verantworten gewesen.

  • Russland zeigt sich als aufstrebende Macht im Nahen Osten: Während die USA sich aus ihrer historischen Rolle als Vermittler im Nahen Osten zurückziehen, zeigt Russland seine Fähigkeit, sich auf fremder Bühne gekonnt zu verhalten. Russland bewies zudem auch seinen Verbündeten, dass sie auf seine Hilfe zählen können. Und es demonstrierte seinen Feinden seine Bereitschaft, bei Bedarf Truppen in fremde Länder zu entsenden.

  • Das Bild Russlands nach der Ukraine-Krise wurde verändert: Seit Russland auf die Krim eingedrungen war und seine kleinen grünen Männchen angewiesen hatte, die Ukraine zu destabilisieren, war Putin den europäischen Mächten und der USA weitestgehend ein Gräuel gewesen. Nun konnte Putin sein Image als Stabilisator in einer der instabilsten Regionen der Welt neu formen. Darüber hinaus deutet die Tatsache, dass Putin seine Truppen unmittelbar vor den Friedensverhandlungen aus Syrien abzieht, auf seine Bereitschaft hin, Assad unter Druck zu setzen, im Weiteren einige Zugeständnisse zu machen. In alledem zeigt sich Putin als jemand, mit dem gearbeitet werden, aber nicht jemand, der umgangen werden kann.

Mit Blick auf die oben genannten Erfolge ist es gut möglich, dass selbst Putin überrascht ist, wie gut sein Ausflug nach Syrien funktionierte – besonders, wenn man bedenkt, dass er ihn eine schlappe Milliarde Dollar kostete. Dem potenziellen syrischen Morast entsteigt er unverletzt, ermutigt und bestärkt.

Im Blick auf die anstehenden Verhandlungen sollten wir auf Putin in seiner Rolle als den vernünftigen Vermittler zwischen den Europäern, den Saudis, den Türken und den Syrern achten. Auch sollte es uns nicht überraschen, wenn er Assad drängt, größere Zugeständnisse zu machen, als die Iraner es möchten.

Chefredakteur Gerald Flurry äußerte eine verblüffende Prognose zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges, in der er sagte, dass es bis zum Ende des Konfliktes einige deutliche Verschiebungen in den Allianzen des Nahen Ostens geben würde. Moskaus überraschende Intervention in den Syrienkonflikt tut hierbei ihren Teil.