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Gedanken aus einer toten Stadt

Pompeji ist eine der erstaunlichsten archäologischen Ausgrabungsstätten, die ich je besucht habe. Über 10 000 Menschen lebten dort, bis ein Vulkanausbruch im Jahre 79 v. Chr. die gesamte Stadt vernichtete. Heute ist sie unglaublich gut erhalten. Man kann die Straßen durchstreifen und die Häuser betreten, die seit mehr als 2000 Jahren leer stehen. Die Geschichte von Pompeji und Rom erlaubt uns einen Blick in die Vergangenheit, der uns sowohl merkwürdig fremd als auch überraschend vertraut vorkommt.

Teile Pompejis sehen vertraut aus. Das Amphitheater bot Platz für 20 000 Sportliebhaber, die Essen an Fastfood-Verkaufsständen am Straßenrand kaufen konnten und ihre jeweilige Seite so leidenschaftlich unterstützten, dass es zwischen den gegnerischen Zuschauern manchmal zu tätlichen Auseinandersetzungen kam.

Aber dann erinnert man sich, welchen „Sport“ sie sich da ansahen. Dieses Amphitheater, eines der ältesten römischen Gebäude dieser Art, hatte man für die Bewunderer tödlicher Kämpfe zwischen Sklaven gebaut, die erst mit dem Tod eines der Gladiatoren endeten.

Die Zurschaustellung des Familienlebens in Pompeji zeigt vertraute Szenen: Mann und Frau posieren aufgeregt für ein Bild, Brüder erledigen die Hausarbeit und Gäste kommen zum Abendessen. Andere Aspekte des römischen Familienlebens sind verabscheuungswürdig: Ein Kind war solange kein Mensch, wie es von seinem Vater nicht anerkannt wurde. Ein nicht anerkanntes Kind hatte keine legalen Rechte und wurde auf einen Abfallhaufen geworfen, damit es dort starb.

Die römische Welt verfügte über ein fortschrittliches Wirtschaftswesen, hoch aufragende Appartementblocks und ausgedehnte Städte. Und es gab Sklaverei: Vielleicht zwei von fünf Leuten im Italien des ersten Jahrhunderts waren versklavt.

Die Römer waren Menschen wie wir, mit ähnlichen Hoffnungen, Ängsten, Freuden und einer uns ähnlichen menschlicher Natur. Aber diese Menschen, so sehr sie uns auch ähneln mögen, begingen entsetzliche Gräueltaten, die sie als ganz normal ansahen.

Andere Gesellschaften hielten sie jedoch für barbarisch. Bestimmt unterhielten sie sich über abscheuliche Kindesopfer in einigen Religionen des Ostens, während sie auf dem Weg zu den Todesspielen an den Müllhalden vorbeigingen.

Von außen betrachtet erkennen wir klar, dass manche Dinge wirklich grauenhaft sind. Aber wenn wir das Leben um uns herum betrachten, finden wir alles ganz normal. Die Römer haben ihre eigenen Übel nicht erkannt. Und uns passiert dasselbe.

In unserer Gesellschaft wird es als normal, ja sogar als gut angesehen, mit brutalen Instrumenten oder Vakuumpumpen Abtreibungen vorzunehmen und Millionen Babys zu töten – normalerweise, weil sie „ungelegen“ kommen. Bei den Römern war die Tötung von Babys erlaubt, aber archäologische Funde beweisen, dass sie nur selten von diesem „Recht“ Gebrauch machten. Dasselbe kann man von uns heute nicht sagen.

Die Sklaverei mag ja verboten sein, aber Firmen und Regierungen bemühen sich nur allzu sehr, die chinesische Regierung milde zu stimmen, die etwa eine Million Menschen in Konzentrationslagern eingesperrt hat und gelinde gesagt, viele ihrer eigenen Leute sehr schlecht behandelt.

Sicherlich gibt es Dinge, die ich als unerfreulich und schlecht ansehe, aber doch als „normal“. Ich bin mir sicher, dass ich das Übel nicht so klar erkenne, als würde ich es von außen betrachten.

„Heutzutage haben wir uns in der Gegenwart verloren – wir lehnen die Vergangenheit ab und sind, was die Zukunft betrifft, mit Blindheit geschlagen!“ schrieb der Chefredakteur der Posaune Gerald Flurry in der Julinummer 1998 der Posaune. „Wir haben den Überblick verloren.“

Jeremia 17, 9 sagt uns: „Verschlagener als alles andere ist das Herz, und unheilbar ist es“ (Zürcher Bibel). Herbert W. Armstrong schrieb: „Die menschliche Natur möchte gerne gut sein – wir möchten uns selbst für gut halten und von den anderen als gut angesehen werden, während wir in Wirklichkeit nur Böses tun“ (Die USA und Großbritannien in der Prophezeiung ). Genau das passiert, wenn man sich in der Gegenwart verloren hat. Man beurteilt die Gesellschaften nach seinen eigenen aktuellen Maßstäben, und deshalb erscheint uns die heutige Gesellschaft immer vergleichsweise vorteilhaft. Das macht uns fälschlicherweise glauben, die Vergangenheit sei ein barbarisches Übel gewesen und die Gegenwart sei dauerhaft fortschrittlich.

Aber wenn wir die Leute der Vergangenheit kennenlernen, merken wir, dass sie genauso waren wie wir. Sie begingen entsetzliche Gräueltaten, während sie sich selbst für gut hielten. Wenn Sie auch nur einen Hauch von Demut besitzen, müssen Sie sich fragen, ob wir nicht eigentlich genau dasselbe tun.

Für eine Gesellschaft ist es tödlich, sich mit ihren Übeln auseinanderzusetzen. Deshalb mag die Gesellschaft das auch nicht. Als die Christen im ersten Jahrhundert verkündeten, die Gesellschaft sei böse, wurden sie öffentlich in denselben Amphitheatern ermordet, in denen auch die Gladiatoren starben. Heute werden Sie auf übelste Art und Weise angeprangert, wenn Sie darauf hinweisen, dass wir Sünder sind.

Wir glauben, wir seien viel klüger als die Menschen früher und dass macht uns blind für alles, was uns die Geschichte lehren könnte. Was können wir schon von diesen minderwertigen Barbaren lernen? Unser Unwissen der Geschichte macht uns arrogant. Und unsere Arroganz fördert unser Unwissen.

Die Tatsache, dass wir das Böse in unseren Herzen und in unseren Köpfen nicht erkennen können, ist „das Problem Nummer eins der heutigen Menschheit“, schreibt Herr Flurry in Jeremia und die größte Vision in der Bibel. Die Wahrheit über Jeremia 17, 9 und über die Verschlagenheit des menschlichen Herzens zu verstehen, ist „wichtiger als alle Ausbildung dieser Welt. Wenn wir das verstehen, sind radikale Gegenmaßnahmen nötig.“

Wir sind keineswegs rechtschaffener als die Bewohner von Pompeji. Nur unsere Arroganz lässt uns ihre Sünden größer erscheinen als unsere eigenen. Tatsache ist, dass wir genauso gravierende Fehler haben wie sie. Die Gesellschaft und auch jeder einzelne von uns muss radikale Maßnahmen ergreifen, um diese Fehler zu korrigieren.

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