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Der Deutsche Aktienindex (DAX) ist abgebildet an der Frankfurter Börse, am 26. September.

DANIEL ROLAND/AFP/Getty Images

Wird die weltweite Wirtschaftskrise auch Deutschland erreichen?

04.10.2016  •  Aus diePosaune.de
Es sieht ganz danach aus, als würde die Deutsche Bank Angela Merkel noch Kopfschmerzen bereiten.
 

Deutschlands größte Banken sind in größten Schwierigkeiten. Das ist eigentlich nichts Neues. Vor der Finanzkrise lag der Börsenkurs der Deutschen Bank bei annähernd 120 € (US $ 135) pro Aktie. Anfang dieses Jahres betrug der Aktienpreis noch 21,45 € ($ 24). Diese Woche hat er seinen niedrigsten Stand seit 1973 erreicht und steht bei 11 €. Die Situation ist nun schon so katastrophal, dass der Kurs der Bank laufend auf Twitter erscheint.

Seit der Finanzkrise von 2008 war Deutschland der unverrückbare Felsen in der Brandung der europäischen Wirtschaft. Es hat den Sturm mit einer niedrigen Arbeitslosenrate gut überstanden, während die Wirtschaftskrise anderswo in Europa ganze Staatswesen umgekrempelt hat. Aber jetzt sieht es so aus, als stünden die Banken im Herzen der deutschen Wirtschaft kurz vor dem Untergang. Die weltweite Wirtschaftskrise von 2008 könnte am Ende auch Deutschland erreichen.

Das ist weit mehr als nur ein Problem für reiche Aktionäre. Es hat Konsequenzen für Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel persönlich, für die deutsche Politik insgesamt, die Euro-Krise, die Flüchtlingskrise und ganz Europa. Der Gründer von ‚Geopolitical Futures‘ George Friedman schrieb vor einer Woche: „Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, die größte Europas, der Kreditgeber der Zentralbank und die solide Basis der wirtschaftlichen Stabilität Europas. Wenn Deutschland schwächelt oder destabilisiert wird, dann schwächelt ganz Europa und man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass die ganze Welt destabilisiert wird, wenn Europa schwächelt.“

Der unmittelbare Anlass für die Verunsicherung kam am 16. September, als das Justizministerium der Vereinigten Staaten verlauten ließ, dass die Bank möglicherweise Geldstrafen von bis zu 14 Milliarden US $ zu bezahlen hätte, um Regressansprüche wegen missbräuchlicher Verkäufe hypothekarisch gesicherter Wertpapiere zu regulieren. Unter normalen Umständen wären 14 Milliarden $ eine unbedeutende Summe für eine Bank. Aber wenn man die Deutsche Bank nach ihrem Aktienpreis bewertet, ist sie im Moment nur 18 Milliarden $ wert. Die endgültige Summe, die sie zu bezahlen hat, wird wahrscheinlich um einige Milliarden geringer sein. Aber das Unternehmen verliert jedes Jahr mehrere Milliarden Euro – und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die Bank weniger als gar nichts mehr wert ist.

Am 26. September dementierte die Bank Gerüchte, sie hätte Kanzlerin Merkel um Hilfe bei der Bezahlung der Geldstrafe gebeten, was abgelehnt worden sei. Diese Gerüchte bewirkten, dass der Aktienkurs um weitere 7 Prozent fiel.

Aktienkurs und Rentabilität sagen nichts darüber aus, wie zahlungsfähig eine Bank ist. Ein katastrophaler Verfall des Aktienkurses allein bedeutet noch nicht, dass die Bank untergeht. Es zeigt jedoch, dass das Institut mit erheblichen Problemen zu kämpfen hat. Und es heißt auch, dass die Leute schnell ihr Vertrauen in die Bank verlieren.

Diesen Sommer hat der Internationale Währungsfonds (IMF) die Deutsche Bank zur gefährlichsten Bank der Welt erklärt. Systematisch betrachtet scheint die Deutsche Bank unter den bedeutendsten Banken der Welt „der wichtigste Nettozahler bei systematischen Risiken zu sein“, heißt es in einem Schreiben vom 30. Juni.

Die Deutsche Bank ist eine der zwei Großbanken im Zentrum der deutschen Wirtschaft. Die andere ist die Commerzbank, und die ist auch in Schwierigkeiten. Sie wird auf lange Sicht dieselben Probleme wie die Deutsche Bank haben. Vor der Finanzkrise erreichte der Aktienpreis der Commerzbank annähernd 300 € (336 $). Jetzt beträgt er weniger als 6 €. Ihre Schwierigkeiten stehen ebenfalls in den Zeitungen – sie kündigte an, sie würde 10.000 Arbeitsplätze streichen und dieses Jahr keine Dividende zahlen.

Die Deutsche Bank ist schon älter als Deutschland selbst. Bekannt als die großen drei haben die Deutsche Bank, die Commerzbank und die Dresdner Bank die deutsche Wirtschaft jahrzehntelang finanziert. Mitte der achtziger Jahre fand eine Studie der deutschen Regierung heraus, dass sie die Stimmrechtsaktien von drei Vierteln aller deutschen Firmen kontrollieren. Die Dresdner Bank scheiterte an der Finanzkrise 2008 und musste von der Commerzbank aufgekauft werden; daher sind die großen drei jetzt die großen zwei. „Es ist unmöglich, die Deutsche Bank von der Liste der politischen Ziele der deutschen Regierung zu nehmen oder sie von der Struktur der deutschen Kapitalunternehmen zu trennen“, berichtete Geopolitical Futures. „Sie sind alle untrennbar miteinander verbunden.“ Wenn auch nur eine dieser Banken untergeht, wird eine große Anzahl deutscher Unternehmen großen Schaden nehmen.

Eine Krise in der Deutschen Bank würde sich auch weit über Deutschland hinaus ausbreiten. Die Bank hat enge Verbindungen zu Banken auf der ganzen Welt, auch zu vielen amerikanischen Banken. Das würde die schlimmste Eurokrise verursachen, die wir je erlebt haben. Und es würde auch Frau Merkel in eine unmögliche Lage stürzen.

Der Konkurs der Deutschen Bank würde eine politische Krise in Deutschland auslösen und im selben Moment würde die Eurozone einen wirtschaftlichen Zusammenbruch erleben. Daher scheint es sehr wahrscheinlich, dass die Deutsche Bank und auch die Commerzbank irgendeine Form von staatlicher Hilfe bekommen würden, wenn sie kurz vor der Pleite stünden.

Das ist zwar das kleinere Übel, aber deshalb nicht weniger gefährlich. Bei den jüngsten Wahlen in Berlin erhielten die Linksparteien – die Grünen und die Linke – zusammen rund 30 Prozent aller Stimmen. Und viele Deutsche sehen es nicht gern, wenn ihre Regierung ständig gut genährten Katzen aus der Patsche helfen muss, wie sie das sehen. Der Druck auf die Christdemokraten, Frau Merkel abzulösen, würde weiter zunehmen.

Und Frau Merkels ganze Strategie zur Lösung der Euro-Krise würde sich in Wohlgefallen auflösen. „Falls die Deutsche Bank fällt, erscheint es immer wahrscheinlicher, dass sie dabei auch Frau Merkel mitreißen wird – und wahrscheinlich auch den Euro“, schreibt Matthew Lynn im Telegraph. Er schreibt weiter:

Die Politik, die deutsche Bank retten zu müssen, ist furchtbar. Deutschland unter der Führung der Kanzlerin hat sich zum Beschützer mit finanzieller Verantwortung innerhalb der Eurozone entwickelt. … Es würde, um es vorsichtig auszudrücken, unvereinbar erscheinen, wenn Deutschland plötzlich sagen muss, tut uns leid, aber wir müssen zuerst einmal unsere eigenen Banken retten und werden euch deshalb leider hängen lassen müssen. … Die Wahrheit ist doch, dass es dann ganz unmöglich wäre, einen harten Kurs in Italien und in Griechenland beizubehalten.

Und doch, wenn die Deutsche Bank unterginge und die deutsche Regierung ihr nicht zu Hilfe käme, wäre das ein harter Schlag für Europas größte Volkswirtschaft – und für das globale Finanzsystem. Niemand kann vorhersagen, wo das enden würde und wie weit der daraus folgende Dominoeffekt reichen würde. Dem italienischen Bankwesen würde es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich den Todesstoß versetzen und die französischen und spanischen Banken wären als nächstes dran. …

In der Tat spielt Frau Merkel ein sehr gefährliches Spiel mit der Deutschen Bank – und das könnte leicht ins Auge gehen. Wenn ihre Weigerung, die Deutsche Bank zu retten zu einem Zusammenbruch der Deutschen Bank führte, könnte das auch leicht das Ende ihrer Kanzlerschaft bedeuten. Aber wenn sie der Bank Hilfe leistet, könnte der Euro ins Wanken geraten. Es kann kaum überraschen, dass die Märkte den unerbittlichen Verfall des Aktienkurses mit Entsetzen beobachten.

Aber das Beunruhigende dieser Geschichte wird erst sichtbar, wenn man es im Zusammenhang mit anderen besorgniserregenden Anzeichen betrachtet, die aus Deutschland kommen. Die deutsche Wirtschaft ist von Exporten abhängig. Geringes Wachstum in der Eurozone bedeutet, dass andere europäische Nationen es sich nicht mehr leisten können, so viele deutsche Waren zu kaufen. Sie konnten diese entgangenen Geschäfte bisher durch Verkäufe an China und an die USA wieder wettmachen. Aber Amerika importiert jetzt weniger. Das bewirkt auch einen Rückgang der Verkäufe an China, was bedeutet, dass die beiden letzten noch wachsenden Kunden Deutschlands dabei sind, gleichzeitig zurückzufahren.

Zugleich warnen internationale Organisationen davor, dass die gesamte Weltwirtschaft kränkelt. Bei Deutschlands Abhängigkeit von Exporten werden weltweite Probleme schnell auch zu deutschen Problemen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnte in ihrem Vierteljahresbericht vom 18. September vor der zunehmenden Instabilität der Finanzmärkte besonders in China. Die Instabilität, vor der gewarnt wird, „scheint nicht katastrophal zu sein“, schrieb Friedman, „aber, weil Deutschland das Zentrum des Erdbebens ist, könnte es sogar durch ein nur mäßiges Rütteln zu Fall gebracht werden.“

Der am 22. September veröffentlichte Jahresbericht der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung ist da noch unheilvoller. Unter dem Titel: „Die UNO fürchtet einen dritten Teil der globalen Finanzkrise mit der Aussicht auf gewaltige Zahlungsausfälle“ warnt der Redakteur für internationales Business beim „Telegraph“ Ambrose Evans-Prichard vor einer kommenden Krise, „die sich als die endgültige Krise des globalen Kapitalismus herausstellen könnte, als den Niedergang der liberalen orthodoxen Lehren über den freien Markt. …“

Einer Krise, die nur die Deutsche Bank oder sogar die Deutsche und die Commerzbank betrifft, könnte mit einer Finanzhilfe abgeholfen werden. Deutschlands Schulden sind überschaubar und es nimmt mehr Steuergelder ein als es ausgibt. Wenn man jedoch die Gesamtsituation betrachtet, wird klar, dass die Bankenkrise ein Symptom für eine weit schwerere Krankheit ist – eine Krankheit, die nicht so einfach geheilt werden kann. Letzte Woche warnte Friedman:

Meiner Ansicht nach wird man sich in Deutschland immer mehr der Tatsache bewusst, dass das deutsche System dabei ist zu versagen. … die Erschütterungen werden nun schon von den besten Finanzanalytikern der Welt wahrgenommen: Den normalen Leuten, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten und ihr Gehalt jeden Monat brauchen, um zu überleben. Die politische Basis des modernen Deutschlands zerbröckelt. …

Die Wirtschaftskrisen der dreißiger Jahre brachten die Deutschen dazu, für die Nazis und die Kommunisten zu stimmen. Jetzt sind sie wieder dabei, für Minderheitsparteien wie die Alternative für Deutschland und die Linke zu stimmen. Das ist zwar nicht dasselbe wie Nazis und Kommunisten, aber der Trend geht in die gleiche Richtung der Ablehnung der etablierten Politik.

Gleichzeitig würden wirtschaftliche Probleme all die alten Wunden aufreißen und Fragen zur Eurokrise aufwerfen. So eine Krise würde Deutschland und ganz Europa verändern.

Wir haben das ja bereits in Griechenland beobachten können. Das Land wird mittlerweile von der Syriza regiert, einer Partei, die vor der Finanzkrise gerademal fünf Prozent der Stimmen bekam. Diese Partei tauchte aus dem Nichts auf, um das Land zu regieren. Wenn so ein politisches Erdbeben auch Deutschland erschütterte, dann würden seine Auswirkungen auf der ganzen Welt zu spüren sein.

Selbst wenn diese Probleme sich nicht so bald zuspitzen werden – auch wenn Investoren nie an der Annahme zweifeln, dass die deutsche Regierung zum Beispiel immer hinter den Großbanken stehen wird – die Schwächen bleiben doch bestehen und führen mit Sicherheit dazu, dass jede weltweite Krise auch Deutschland schwer erschüttern wird.

Herbert W. Armstrong schrieb 1984, dass eine schwere Bankenkrise in Amerika „dazu führen könnte, dass die europäischen Länder sich zu einer neuen Weltmacht vereinen, die mächtiger ist als die Sowjetunion oder die Vereinigten Staaten“ (Brief an die Mitarbeiter vom 22. Juli 1984). Die Eurokrise deckte auf, dass die Eurozone in ihrer jetzigen Form nicht funktionieren kann – sie wird entweder auseinanderfallen oder sich zu einem Superstaat vereinigen. Europa hat einige wichtige Schritte in Richtung auf diesen Superstaat getan. Aber ein neuerliches Ausbrechen der Bankenkrise, dieses Mal in Deutschland, würde die Eurozone weit mehr unter Druck setzen als schon 2008. Es würde die deutsche Politik verändern und zugleich zumindest einige der Länder dazu zwingen, sich zu vereinigen – zwei wichtige Trends, die die Posaune schon seit Jahren vorhersagt.

Mehr darüber wie eine Wirtschaftskrise Deutschland und Europa verändern könnte, erfahren Sie in dem Artikel: „Wie die globale Finanzkrise die zehn europäischen Könige hervorbringen wird. von Gerald Flurry, dem Chefredakteur der Posaune