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Der wahre Grund, warum Deutschland die New Yorker Börse kaufen will

Das größte Symbol von Amerikas wirtschaftlicher Macht liegt auf dem Versteigerungspodest. Raten Sie mal, warum der voraussichtliche Käufer es haben will. 

Es wird ein Tag sein, der in Schande untergeht. Das größte Symbol von Amerikas wirtschaftlicher Macht – die hervorragende Institution angelsächsischer, finanzieller Dominanz – steht vor dem Verkauf.

Und das an einen deutschen Konkurrenten.

Keine Institution vertritt Amerika so wie die New Yorker Börse (NYSE). Sie ist die Heimat des Kapitalismus. Und im Laufe der Jahre hat sie Amerika im Großen und Ganzen gut gedient. Kein anderes Land in der Welt hat so schnell so viel Reichtum erwirtschaftet. Sicher, die Superreichen besitzen einen unverhältnismäßig großen Anteil davon, aber – Sie können über den Kapitalismus herziehen, so viel Sie mögen – er hat auch den größten Mittelstand in der Geschichte hervorgebracht.

Während der meisten ihrer 219 Jahre hat die New Yorker Börse auch zum Wachstum außergewöhnlicher amerikanischer Unternehmen beigetragen, hat sie mit bedeutenden Finanzierungspools verbunden, um eine schnelle Entwicklung voranzutreiben – und was genauso wichtig ist, um solche Unternehmen zu bestrafen, die sich weigerten oder nicht fähig waren, sich anzupassen und zu innovieren. Auf Gedeih und Verderb, sie ist das Werkzeug das geholfen hat, amerikanische Unternehmen stark, konkurrenzfähig und verantwortungsvoll zu halten.

Und jetzt stirbt die NYSE einen sehr kapitalistischen Tod.

Wenn die Glocke an der in amerikanischem Besitz befindlichen Wall Street 11 zum letzten Mal läutet, wird es ein ominöser und bedeutungsvoller Tag sein. Aber wahrscheinlich nicht aus dem Grund, an den Sie denken.

Wo die USA und deutsche Medien nicht übereinstimmen

Amerikanische Medien verkaufen diese Geschichte als einen Zusammenschluss unter Gleichen. Die neue Gesellschaft wird die größte und umsatzstärkste Börsengruppe der Welt sein, mit einem geschätzten Wert von über 25 Milliarden Dollar. Der Generaldirektor wird aus der NYSE Gruppe kommen, während der Präsident von der Deutschen Börse sein wird.

Aber hier hört die Gleichberechtigung auf.

In Deutschland wird darüber von einer hundertprozentigen Übernahme berichtet. Die Rede von einem „Zusammenschluss unter Gleichen“ ist Schönfärberei, um die Amerikaner bei Laune zu halten. Sechzig Prozent der neuen Gesellschaft wird aus Aktionären der Deutschen Börse bestehen – was ihnen das Stimmrecht gibt. Die aktuellen Pläne mögen New York als Hauptsitz fordern, um das regionale Netzwerk der Deutschen Börse in Frankfurt und Paris zu ergänzen. Aber die Wirklichkeit ist, dass sowohl Paris als auch New York nichts weiter als symbolische Hauptgeschäftsstellen für die neue Firma sein werden.

„Es wird hier kein ‚Dreieckskonzept‘ geben“, erzählte eine Quelle der Financial Times (Februar 2011).

Das einzige Dreieckskonzept wird das einer Pyramide sein – mit Frankfurt an der Spitze. „New York wird wichtig sein aber es ist nicht das finanzielle Zentrum“, sagt Michael La Branche, ein Mitglied einer familiengeführten Firma, die auf dem Parkett der NYSE 87 Jahre lang gehandelt hat.

Aber auch vor dem Zusammenschluss waren schon ungefähr die Hälfte der Aktionäre der NYSE Gruppe europäisch. Im Jahr 2006 schloss sich die NYSE mit Euronext zusammen, was New York mit den Börsen in Paris, Brüssel, Amsterdam und Lissabon, zusammen mit einer Terminbörse in London konsolidierte. Jetzt, wenn das Geschäft mit der Deutschen Börse durchgeht, könnten die amerikanischen Aktionäre sogar noch weniger besitzen. Außerdem werden mehr als die Hälfte der Vorstandmitglieder von der Deutschen Börse kommen.

Der Stab der wirtschaftlichen Führung wird wieder weitergegeben: Von London an New York im Jahr 1919, und jetzt, im Jahr 2011, von New York an Frankfurt.

Laut einiger Experten können die amerikanischen Regulierungsbehörden den Ausverkauf der NYSE wahrscheinlich auch nicht blockieren. Vor einigen Jahren genehmigten sie den Zusammenschluss der NYSE mit Euronext. Außerdem, wie die Financial Times meldete, gibt es für dieses Geschäft „‚gute Unterstützung‘ auf höchster politischer Ebene in Deutschland“. Aus diesem Grunde würden die US-Regulierungsbehörden das Risiko eingehen, einen wichtigen Handelspartner und Verbündeten zu beleidigen, wenn sie dieses Geschäft blockierten.

Was geschieht mit Amerika? Hat es wirklich so viel an wirtschaftlicher Kraft verloren, dass ein Unternehmen von einer Nation, die einst zu Schutt zerbombt worden war, jetzt die Institution kauft, die die Gelder aufzubringen half, um Amerikas Kriegsanstrengungen zu ermöglichen?

Ist das ein strategisches Risiko?

Angesichts eines internationalen Geschäftes wie dieses, erheben sich Fragen über die nationale Sicherheit. Die deutsche Regierung hat ihrerseits erklärt, da die zwei in dem Ausverkauf beteiligten Gesellschaften privat seien, würde sie nur eine „begrenzte“ Rolle in dem neuen Unternehmen spielen. 

Aber wie unser Artikel, „Werden die USA die NYSE verlieren?“, vom August 2006 fragte: „Was passiert, wenn die Beziehungen zwischen Amerika und Europa belastet würden? Ist es unrealistisch, darüber in Sorge zu sein, dass Auslandsbeteiligungen, die in der Lage sind, Amerikas größte Börse zu sabotieren, in Versuchung kommen, das auch zu tun?“

Selbst jenseits des bloßen Sabotierens von Märkten, denken Sie an all die Daten von US-Firmen, die ausländische Beteiligungen gewinnen könnten. Die NYSE verkauft laut der Daily Finance jetzt schon Hochgeschwindigkeitsverbindungen zu ihren Rechnern, um Fonds abzusichern, damit sie einen Sekundenbruchteil vor ihren Stammkunden handeln können.

Doch hier ist wahrscheinlich der ominöseste Teil dieses Handels.

Die Deutschen wollen die New Yorker Börse vermutlich gar nicht haben!

Trotz all des patriotischen Fahnenschwingens wegen des bevorstehenden Verlustes der NYSE ist es Tatsache, dass diese jahrzehntelang dramatische Verluste machte. Skandale haben ihr Ansehen erschüttert und ihre Wirtschaftlichkeit schrumpft. Die letzten paar Jahre waren besonders verheerend. Seit dem Zusammenbruch der Wall Street im Jahr 2008 verachten sie sogar die Amerikaner. Im Jahre 2005 bediente sie 80 Prozent des gesamten Handels mit an ihr notierten Aktien; jetzt bedient sie weniger als ein Viertel. Als eine öffentliche Gesellschaft sind ihre Aktien um 64 Prozent gefallen, seit sie zugelassen wurde.

Ihr Geschäftsmodell ist auch zerbrochen. Mit dem Vormarsch der Technologie kann all das, was New York tut, woanders für weniger getan werden kann: weniger Kosten, weniger Regulierung und weniger Besteuerung.

Die traurige, einfache Wahrheit ist, dass New York nicht mehr das begehrte wirtschaftliche Kronjuwel ist, das es einst war. Es ist eher wie matter Modeschmuck – hübsch zu tragen, aber nicht viel wert.

Deutsche Konzerne halten es nicht einmal der Mühe wert, überhaupt in New York zu notieren. Die Deutsche Telekom war das letzte Unternehmen, das im letzten Jahr am 18. Juni ausstieg. Daimler stieg einige Wochen vorher aus. Von den 11 der im deutschen Aktienindex DAX (seine erstrangigen Großunternehmen) gelisteten Unternehmen, die einst in New York notiert waren, denken nur noch vier, dass es den Aufwand wert sei.

Der wahre Gewinn für Deutschland

Für die Deutsche Börse liegt der wahre Gewinn in dem, was die NYSE Euronext besitzt – mit der Betonung auf Euronext.

Im Jahr 2006 stritten die NYSE und die Deutsche Börse über die Kontrolle von Euronext, die sowohl Eigentümer der Börsen von Paris, Amsterdam, Lissabon und Brüssel, als auch einer Derivatebörse in London war. Beamte der Deutschen Börse priesen die potenzielle Fusion mit Euronext als die Schaffung einer „wirklich paneuropäischen Börsenorganisation“ und als „einen bedeutenden Schritt vorwärts in der Integration europäischer Finanzmärkte“ (Agence France-Presse, 22. Mai 2006; meine Betonung).

New York gewann die Schlacht, als es die Deutsche Börse ausbremste und sich mit Euronext zusammenschloss.

Fünf Jahre später sieht es aus, als ob Deutschland im Begriff wäre, die Schlacht zu gewinnen. Die Deutsche Börse ist im Begriff, Euronext zu bekommen – und die NYSE für das, wozu immer sie auch gut sein mag.

Und aus Deutschlands Perspektive hätte es zu keiner besseren Zeit kommen können. Mit einem Großteil der europäischen Peripherie in einer wirtschaftlichen Krise, drängt Deutschland auf größere wirtschaftliche Union – zu seinen Bedingungen. Als Gegenleistung für Rettungsgelder zwingt Deutschland die verschuldeten Länder, ihre nationale Souveränität auszuhändigen. Der Erwerb der Besitzrechte über die größten Börsenmärkte in Europa wird denbereits beeindruckenden finanziellen Waffen Deutschlands nur zusätzliche Feuerkraft verleihen. In den kommenden Jahren wird die Europäische Union viel mehr zu einer typisch deutschen Institution werden.

Wenn diese Fusion durchgeht, werden die Börsenmärkte in Amsterdam, Paris, Lissabon, Brüssel, Frankfurt und in neun anderen europäischen Ländern unter die Kontrolle der Deutschen Börse fallen. Aber das ist nicht alles.

Die Deutsche Börse wird auch Kontrolle über die ehemalige Euronext Derivative (Liffe) bekommen. Sobald sie mit Derivate-Einheiten der Deutschen Börse verbunden ist, wird die neue Gesellschaft den globalen Derivatemarkt beherrschen, den die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich im Jahr 2008 auf einen Wert von erstaunlichen 1,28 Billiarden Dollar schätzte.

Ein flüchtiger Blick auf Amerikas wirklichen Wert 

Aber wenn Deutschland in Wirklichkeit überhaupt nicht interessiert ist an der New Yorker Börse (außer vielleicht wegen ihres verbliebenen Prestiges), was sagt das aus über Amerika? Es bedeutet, dass Amerika nicht mehr die hervorragende wirtschaftliche Supermacht ist, die es zu sein glaubt.  

„Das wird in den Köpfen der politischen und finanziellen Führer der Welt eine zusätzliche Bestätigung sein, dass die klaffenden Haushalts- und Handelsdefizite der USA, und all die Auslandsanleihen und die resultierende Arbeitslosigkeit, bedeutsame Kennzeichen einer im Niedergang befindlichen, wirtschaftlichen Supermacht sind“, sagt Peter Morici, ein Wirtschaftsprofessor an der Universität von Maryland.

Morici hat recht. Die Amerikaner sitzen und sprechen von Patriotismus und wie schlecht es ist, dass eine ihrer Ikonen verkauft werden soll, aber sie begreifen nicht das wirklich Wesentliche. Amerika geht so schnell unter, dass seine berühmteste Institution bestenfalls ein Nebengewinn für Deutschland ist.

Amerika folgt schnell den Fußstapfen Großbritanniens, indem es eine zweitrangige Macht in einer drittrangigen finanziellen Position wird, die an die Grenze des Unhaltbaren stößt. Börse oder keine Börse, den Amerikanern sollte angst und bange sein, so wie die Briten zu enden. Und beide sollten das Schicksal einer viel früheren Macht fürchten: das Schicksal des dem Untergang geweihten Königreichs von Belsazar.

Sie können darüber in Daniel 5 lesen. Es liest sich etwa so: Mene, mene, tekel upharsin: „Du bist auf der Waage gewogen und zu leicht befunden worden.“

Amerikaner müssen die Schrift an der Wall Street lesen. Man weiß, was als nächstes passiert. 

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